Entschwinden der Kindheit

Astrid Lindgren gibt den Erinnerungen an ihre Kindheit den Titel Das entschwundene Land“. Nur äusserlich entschwunden ist ihr das Land – innerlich blieb es lebendig und inspirierte all ihre unvergesslichen Bücher.

Heute entschwinden auch Kindern schon diese magischen Erlebnisräume - äusserlich und innerlich. Man muss fürchten, dass immer mehr Kinder dieses verwunschene Land gar nicht mehr finden: das Eingangstor ist versteckt unter einer funktionalen Kunstwelt aus Beton und Plastik, übersprüht mit einem blendenden Funkelwerk von glitzernden, flimmernden, Wünscheweckenden virtuellen Fertigbildern. Erwachsene, denen das Kindsein aus der Erinnerung entschwunden ist, denken sich Programme aus, welche Kindheit zur gradlinigen, funktionellen Vorbereitung auf das Erwachsensein degradieren, „spielerisch“ natürlich, damit der Betrug nicht auffällt.

Bei recht vielen Kindern funktioniert der Betrug noch – scheinbar: oder hat die wachsende Therapiebedürftigkeit von Jugendlichen, Erwachsenen und Kindern! ihren Ursprung vielleicht in einer frühen Resignation und Anpassung?

Zunehmend gibt es aber Kinder, die nicht funktionieren im Programm, sondern auf vielerlei Weise rebellieren gegen den Betrug und ihr Kindsein verteidigen – wie oft werden sie als verhaltensauffällig abgestempelt, mit Therapieprogrammen und notfalls mit Medikamenten auf Spur gebracht? Die Liste der therapiebedürftigen „Defekte“ von Kindern wird immer länger: Legasthenie, Diskalkulie, ADHS, Wahrnehmungsstörungen aller Art... Schliesslich sind Kinder das Humankapital, aus dem man das Beste machen muss: Kinder als künftige qualifizierte Fachkräfte, als Rentenzahler, Kinder als Konsumenten, Kinder als... es wird keine Mühe gescheut, diese „Ressource“ so früh wie möglich systemcompatibel zu machen und wirtschaftlichen Gewinn daraus zu ziehen.

Was aber sind Kinder einfach als Kinder?

Natürlich fehlt dem Kind Erfahrung, Bildung, Realitätssin und Bewußtheit, über die der Erwachsene verfügt. Stattdessen aber hat das Kind ein schier unerschöpfliches Potential an Willensenergie, Unvoreingenommenheit, Interesse, Motivation, Fantasie, Kreativität, Erfindergeist, Offenheit, Geistesgegenwart, bedingungsloser Liebekraft, Wahrnehmungsfähigkeit für die Innenseite der Welt...., von dem wir Erwachsenen nur träumen können.

Sind sie uns nicht sogar ein bisschen unheimlich in ihrer ungezügelten, fantasiesprühenden Lebendigkeit und Normlosigkeit? An der unwissend-unschuldigen Freiheit, mit der sich Kinder über die engen Grenzen unseres zivilisierten Lebens hinwegspielen, könnte uns unsere eigene Angepasstheit und Unfreiheit schmerzlich bewusst werden. Ahnen wir irgendwo tief innen, dass das entschwundene Land ein Verlust ist, der den Sinn auch unseres Lebens entstellt?

Astrid Lindgren: „Ich schreibe für das Kind in mir“ .„Das Kind ist seinem Wesen nach ewig, es ändert sich nicht.“ Kindsein, sagte Janusz Korczak, ist keine Altersangabe, sondern etwas Universelles. Jeder Mensch trägt Kindheitskräfte in sich, nur aus ihnen kann Erneuerung kommen. Wo haben wir sie verloren im Zuge des Erwachsenwerdens? Wie können wir das entschwundene Land wiederfinden?

Durch die Kinder!

Wenn wir unsere Aufmerksamkeit für die innere Qualität des Kindseins und die individuelle Einmaligkeit jedes einzelnen Kindes öffnen, wird das entschwundene Land in uns wieder lebendig. Es beginnt ein gegenseitiges Lernen voneinander: das Kind lernt durch uns die gewordene Welt kennen und handhaben, wir lernen durch das Kind, uns selber wieder als Werdende zu erkennen. So können wir mit und für die Kinder das Festgewordene in uns und der Welt wieder in Bewegung und Weiterentwicklung bringen.

Das ist Würdigung des Kindseins!